Parabel der Kutsche, des Lehrers und der Digitalisierung
Es ist ein Bild, über das ich beim Kongress zur Zukunft der digitalen Bildung oft nachgedacht habe:
die Kutsche aus dem 19. Jahrhundert, gezogen von Pferden, mit einem Kutscher auf dem Bock und dreißig Menschen im Inneren, die er sicher durch unwegsame Straßen führt. Der Weg ist klar vorgegeben, der Zielort ist bekannt, und der Kutscher – in unserer Parabel der Lehrer – kennt beide. Er kennt jedes Schlagloch und jede Kurve. Genau das ist seit fast zweihundert Jahren die grundlegende Rolle des Lehrers: Er führt, er vermittelt, er zeigt den Weg. Die Klasse sitzt hinten – eng und unbequem – aber das war schon immer so, und es hat ja immer irgendwie funktioniert.
Diese gesamte Konstruktion – Kutsche, Pferde, Kutscher, Passagiere – wurde im 19. Jahrhundert erfunden und hat die Grundannahmen unseres Schulsystems geprägt. Das Ziel war eindeutig: alle über dieselbe Straße, im gleichen Tempo, zur selben Endstation zu bringen. Hauptschulabschluss, mittlere Reife, Abitur – verschiedene Haltestellen derselben Strecke.
Man lernt also nicht „für das Leben“, sondern dafür, wie man in dieser Kutsche bis zur Endstation durchhält. Das ist das eigentliche Programm. Und niemand behauptet ernsthaft, dass es auf der harten Holzbank Spaß machen müsse. Auch das hat Tradition. Oft hört man auch den Satz: „Mir hat es auch nicht geschadet.“
Die Digitalisierung erreicht die Kutsche
Nun ist es im 21. Jahrhundert so, dass etwas völlig Neues auftaucht: die Digitalisierung.
Und sofort entsteht die Erwartung: Da muss doch Potenzial drin sein.
Etwas, das man nutzen kann – um die Kutsche zu verbessern, den Kutscher zu unterstützen, vielleicht die Fahrt etwas angenehmer zu machen. So baut man digitale Motoren in die alte Kutsche ein, bringt Smartboards an, verteilt Tablets an jeden Passagier und hofft, dass jetzt alles ein bisschen besser wird.
Doch es ist immer noch dieselbe Kutsche.
Mit denselben Pferden.
Mit demselben Kutscher, der denselben Weg fährt.
Und seine Arbeit wird durch digitale Motoren nicht leichter. Die Pferde laufen dadurch nicht schneller, und die Lernenden im Inneren sind nicht weniger eingeengt. Und vor allem:
Der Weg ist immer noch vorgegeben.
Das System bleibt unangetastet.
Deshalb zeigen Studien, dass Digitalisierung in dieser Form nichts bringt. Oder sogar schadet. Sie lenkt ab, sie irritiert das alte Arrangement. Die Aufmerksamkeit, die früher der Kutscherperson galt, verteilt sich nun auf Bildschirme. Und aus dieser Perspektive ist es konsequent zu sagen: „Dann schafft die Digitalisierung wieder ab – sie funktioniert ja nicht.“
Natürlich funktioniert sie nicht.
Denn sie soll etwas verbessern, das selbst das eigentliche Problem ist.
Die falsch gestellte Frage
Die Lösungssuche gleicht dabei verblüffend dem historischen Irrtum, den man im 19. Jahrhundert hätte begehen können:
Hätte man die Kutscher gefragt, wie man Motoren sinnvoll einsetzen kann, hätten sie gesagt: „Gar nicht. Sie bringen nichts.“
Und in ihrer Welt stimmt das.
Ein Motor macht für die Logik der Kutsche keinen Unterschied – denn die Kutsche ist auf Pferde ausgelegt, auf hölzerne Räder, auf Wege, die so gefahren werden, wie sie immer schon gefahren wurden.
Hätte man sich an diese Perspektive gehalten, hätte es nie ein Auto gegeben.
Und das ist der blinde Fleck des Bildungsdiskurses:
Man fragt die Kutscher – also Lehrer –, wie die Digitalisierung sinnvoll eingesetzt werden soll.
Und sie sagen völlig konsequent, aus ihrer Perspektive heraus: „Sie bringt nichts.“
Natürlich bringt sie nichts.
Nicht für dieses System.
Aber das System selbst ist das Problem.
Das eigentliche Potenzial der Digitalisierung
Der Motor ist keine Verbesserung der Kutsche – er ist ihr Ende.
Ein eigenständiger Motor, verbunden mit Navigation, Kartenmaterial, Assistenzsystemen, ermöglicht jedem Individuum:
seinen eigenen Weg zu fahren.
In seiner Geschwindigkeit.
Zu seinem Ziel.
Das ist der Perspektivwechsel:
Nicht die Kutsche digitalisieren.
Nicht die Kutscherarbeit effizienter machen.
Sondern die Kutsche abschaffen.
Die Rolle des Lehrers verändert sich radikal:
Von einer führenden, bewertenden, kontrollierenden Instanz
zu einer facilitierenden, unterstützenden, beratenden Funktion.
Der Lehrer wird nicht mehr Kutscher, sondern jemand, der
Wege kennt,
Hindernisse benennen kann,
Räume öffnen kann,
und Menschen hilft, ihren eigenen Kurs zu finden.
Warum dieser Wandel so schwer zu denken ist
Für Lehrer ist das unvorstellbar – und das ist keine Kritik, sondern ein struktureller Effekt.
Auch hier wirkt das Prinzip aus dem Konstruktivismus:
Das Gehirn hält lieber an funktionierenden Konstrukten fest, als etwas Neues aufzubauen.
Das, was 150 Jahre viabel war, wird als richtig empfunden.
Und alles Neue wird irritierend, gefährlich, identitätsbedrohend.
Man darf deshalb nicht erwarten, dass die Kutscher bereitwillig über ihre Abschaffung sprechen.
Wie Bildung in einer digitalen Zeit aussehen könnte
Statt Kutschen braucht man:
– individuelle Motoren (Lernwege, Tools, adaptive Systeme)
– Wegweiser (Curricula als Navigationssysteme, nicht als Strecken)
– Informationsbüros (Mentoren, Coaches, Lernräume)
– Mitfahrgelegenheiten (Peer-Learning, Kollaboration, projektbasierte Gruppen)
Lernen kann in dieser Struktur wieder das werden, was es eigentlich ist:
eine selbstbestimmte Erweiterung der eigenen Denk- und Handlungsmöglichkeiten.
Nicht mehr ein Abarbeiten eines vorgegebenen Weges, sondern ein Entdecken, Gestalten, Ausprobieren.
Und vor allem:
Es macht Spaß.
Weil es das eigene Potenzial freilegt statt Defizite zu markieren.